Harte Einschnitte bei Siemens IT Solutions and Services

Strategie

Aus Sicht der Analysten von Pierre Audoin Consultants (PAC) sind die harten Personaleinschnitte bei Siemens IT Solutions and Services (SIS) sowohl auf die Marktsituation als auch auf taktische Fehler zurückzuführen. Dennoch hat der IT-Dienstleister gute Chancen am Markt, wenn es gelingt, in Zusammenarbeit mit der Siemens AG verschiedene Kundensegmente fokussierter zu adressieren.

Nun ist es offiziell: Siemens plant harte Einschnitte bei SIS. Seit einiger Zeit kochte die Gerüchteküche über einen massiven Stellenabbau bei SIS; nun ist die offizielle Ankündigung da: 4200 Stellen sollen wegfallen. Ein Schock für die SIS-Mitarbeiter – für die Analysten von PAC ist diese Maßnahme nicht völlig überraschend. SIS reiht sich nun ebenfalls ein in die Riege der IT-Provider, die ihre Kapazitäten, vor allem in den Regionen mit hohen Lohnkosten, anpassen.

Die Gründe für den nun bei SIS anstehenden Personalabbau sind vielschichtig und sind keineswegs nur auf Fehler von Siemens und des SIS-Managements zurückzuführen. Ja, es gab aus PACs Sicht in den vergangenen Jahren Managementfehler – auf Seiten von SIS, aber auch auf Seiten des Siemens-Konzerns. Nach Gründung und Integration von SIS (als Nachfolger von SBS, Siemens Business Solutions) in den Konzern wurde der Schwerpunkt PACs Ansicht nach zu stark auf vertikale Lösungen gesetzt und das traditionsgemäß starke Outsourcing-Geschäft von SIS etwas vernachlässigt.

Ebenso hat man sich teilweise zu stark auf den gemeinsamen Vertrieb mit den Siemens-Sektoren gestützt. Und hier liegt aus Sicht von PAC auch der Hauptfehler auf Seiten des Siemens-Konzerns: Das Commitment gegenüber SIS bei der gemeinsamen Positionierung von Lösungen und Services am Markt war zu schwach ausgeprägt. Auch wurde der USP, den man mit SIS teilt – nämlich die Produkte der Siemens-Sektoren, in denen IT unbestritten zunehmend an Bedeutung gewinnt, mit den Integrations- und Betriebsservices von SIS zu einem End-to-End-Offering auszubauen und dieses am Markt zu positionieren – von Siemens nie in notwendigem Umfang ausgespielt. Darüber hinaus hat das Siemens-Sparprogramm aus dem Jahr 2009 die SIS im Rahmen der für Siemens erbrachten IT-Services mit voller Härte getroffen. SIS war in diesem Zusammenhang zu Preisreduktionen gezwungen, die klar über denen des Marktes lagen. Siemens hat seine Tochter hier in keinster Weise geschont.

PAC weist aber daraufhin, dass SIS den zu geringen Fokus auf das Outsourcing-Geschäft bereits Ende 2008/Anfang 2009 erkannt und Gegenmaßnahmen ergriffen hat. Nach deren Erfahrungen lassen sich Erfolge im Outsourcing-Geschäft jedoch nicht innerhalb weniger Monate erzielen. Im letzten halben Jahr ließen sich zumindest jedoch erste Früchte dieser Maßnahmen erkennen. Nach Ansicht von PAC gibt die aktuelle Sales-Pipeline durchaus Grund zur Hoffnung, dass mit weiteren Erfolgen im Outsourcing zu rechnen ist. SIS hat im letzten Jahr damit begonnen, den Mangel an Top-Outsourcing-Sales-Kräften durch die gezielte Einstellung von Top-Experten zu beheben. Außerdem sind auch deutliche Fortschritte in puncto Delivery-Strukturen im Outsourcing zu vermerken, sowohl im Bereich Infrastruktur-Services als auch im Bereich Application Management.

Die Gründe für den massiven Stellenabbau bei SIS hängen mit globalen Trends im IT-Sourcing zusammen. Zahlreiche IT-Services-Provider haben in den letzten ein bis zwei Jahren bereits Kapazitätsanpassungen vorgenommen. Zu nennen ist an dieser Stelle unter anderem HP; in diesem Fall war auch Deutschland prozentual gesehen besonders betroffen. Weitere Beispiele wären T-Systems (hier wurde im August 2009 der Abbau von 3.000 Stellen angekündigt) und auch IBM (hier wurde im Frühjahr der Abbau von 5.000 Stellen angekündigt). Im Verhältnis zum Umsatzrückgang wurde der dadurch notwendige Mitarbeiterabbau erst von einem Teil der IT-Provider vorgenommen. PAC geht davon aus, dass noch zahlreiche IT-Service-Provider ihre Personalstruktur anpassen und die Mitarbeiterzahlen in ähnlich prozentualem Umfang wie SIS reduzieren werden, vor allem in Deutschland und Westeuropa.

Der weltweite Trend, einen immer größeren Anteil an IT-Services aus Near- und Offshore-Regionen erbringen zu lassen, macht einen Stellenabbau in den »Hochlohnländern« unvermeidbar. Betroffen sind zumeist die Erbringer so genannter »Commodity-Services«, also standardisierbarer und industrialisierbarer Aufgaben. Dieser Trend macht es notwendig, die Personalstruktur in puncto Kostenstruktur anzupassen. Gerade bei den deutschen bzw. europäischen IT-Dienstleistern ist hier überproportional hoher Anpassungsaufwand nötig. Nach Überzeugung von PAC ist der anstehende Carve-out die richtige Entscheidung. Auf diese Weise kann SIS unabhängiger vom Cross-Sector-Business der Siemens AG agieren. SIS gewinnt hierdurch eine höhere Flexibilität und ist in vielen Punkten nicht mehr so stark im engen Siemens-Korsett eingeschnürt. SIS kann beispielsweise wieder stärker eine eigene Kommunikation ihrer Leistungen und Erfahrungen verfolgen; ebenso gewinnt sie an Freiheiten in Bezug auf Optimierungen der Delivery-Strukturen bzw. bei der trotz Stellenabbau notwendigen Einstellung von Top-Leuten.

PAC sieht es als notwendig an, dass SIS und Siemens stärker als bisher Kunden gemeinsam adressieren. An dieser Stelle sehen wir vor allem die Siemens-Sektoren in der Pflicht. Die Bereitschaft zur erfolgreichen Zusammenarbeit mit SIS ist nicht in allen Sektoren gleich stark zu erkennen: Der Energy-Sektor ist hier positiv hervorzuheben. Ein Verkauf von SIS, über den im Zusammenhang mit dem Carve-out spekuliert wird, hält PAC für nicht sinnvoll. Eine Stärkung von SIS sowie eine stärkere Unterstützung durch Siemens ist das, was eine SIS benötigt, um nachhaltig erfolgreich zu sein. Ein Börsengang ist langfristig nicht auszuschließen, was aber nicht bedeuten muss, dass Siemens sich von der Aktienmehrheit trennt.

Frédéric Munch, Geschäftsführer von PAC Deutschland, und seine Analysten beurteilen die aktuellen Aktionen von SIS sehr kritisch

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