Wandel in der Telekommunikationswelt: 2012 fällt auch die Bastion ISDN

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Voice-over-IP, Desktop-Sharing, Find-Me-Follow-Me – wer sich in der heutigen Kommunikationswelt noch zurechtfinden will, muss schon fast ein Branchenprofi sein. Von der Sicherheit „Eine Lösung, ein Anbieter“, die noch vor 20 Jahren herrschte, ist nichts mehr zu spüren. Selbst das ISDN-Netz, eine letzte Bastion der proprietären Telekommunikation, wird 2012 abgeschaltet. Trotzdem werden die Anforderungen an Kommunikationssysteme immer höher. 93 Prozent der befragten Geschäftsbereichsleiter gaben laut einer aktuellen Studie von Berlecon Research in Berlin an, dass der Kommunikationsbedarf in den letzten Jahren gestiegen ist, über zwei Drittel sprechen sogar von einem starken Anstieg. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie man im Dickicht der Angebote die passende Lösung finden soll, denn nur die wenigsten IT-Verantwortlichen (CIOs) trauen den Anbietern hierbei sehr hohe Kompetenz zu.

Unternehmen im Dickicht der Angebote

Das Kommunikationsnetz ist zur Falle geworden, in der sich unvorbereitete Unternehmen schnell verfangen können. Immer schneller muss die Antwort auf eine Anfrage kommen, immer enger die Zusammenarbeit zwischen Kunden und Dienstleistern sein und die Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme müssen dabei immer flexibler werden.

Professor Dr. Armin Heinzl vom Lehrstuhl für ABWL und Wirtschaftsinformatik der Universität Mannheim: „Informations- und Telekommunikationstechnik wird in Zukunft zur unverzichtbaren Basistechnologie werden.“
Quelle: Prof. Dr. Heinzl privat

„Bisher war die Informations- und Telekommunikationstechnik (ITK) eine treibende Schlüsseltechnologie, die neue Geschäftsprozesse ermöglicht hat“, erklärt Armin Heinzl, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim. „In Zukunft wird es eine Basistechnologie sein. Es wird kaum noch eine Aktivität, kaum noch einen Geschäftsprozess geben, der nicht durch ITK unterstützt wird.“

Da die Kommunikationssysteme ständig im Arbeitsablauf präsent sind, werden sie für das Funktionieren eines Unternehmens essentiell, wie auch Volker Link von comcontrol bestätigt. Der Geschäftsführer der größten deutschen ITK-Beratung warnt: „Wer sich nicht über seine eigenen Anforderungen klar wird und diese neutral mit den Möglichkeiten des Marktes vergleicht, riskiert schnell, in einer technologischen Sackgasse zu landen.“

Kostenersparnis durch Prozessoptimierung

Wird bei der Neukonzeption der Infrastruktur rein auf die Kosten und die bisherigen technischen Rahmenparameter geachtet, sind Fehlkäufe durch die momentanen Umbrüche in der Kommunikationswelt unausweichlich. So investierte etwa ein großer Finanzdienstleister noch vor einem Jahr 180.000 € in eine proprietäre TK-Lösung. Zwischenzeitlich zeigte sich, dass in diesem System notwendige Applikationen, etwa ein Presence-Management zur Verbesserung der Erreichbarkeit der Mitarbeiter, kaum realisierbar gewesen wären. Das Projekt wurde durch ein hochintegratives Konzept für 300.000 € ersetzt, das durch eine Optimierung der Prozesse Einsparungen in Höhe von 780.000 € ergab. Die bis dahin getätigten Investitionen waren allerdings verloren.

Das Beispiel zeigt, wie eindimensional die ITK-Struktur in Management-Etagen oft betrachtet wird. Meist stellt dieser Aspekt eines Unternehmens nur einen ungeliebten Kostenpunkt dar und wird nicht näher betrachtet, solange nicht ein auslaufender Vertrag oder eine Änderung der Firmenorganisation dazu zwingt. Dabei sind sich die Manager durchaus bewusst, dass moderne Kommunikationsformen an Bedeutung gewinnen. 65 Prozent erwarten laut der Studie von Berlecon Research zum „Wettbewerbsfaktor Effiziente Kommunikation“ eine Zunahme im Bereich Mobile E-Mail, 60 beziehungsweise 48 Prozent rechnen mit Zuwächsen bei Telefon- und Videokonferenzen und 47 Prozent mit vermehrtem Desktop- und Application-Sharing.

Volker Link, Geschäftsführer der comcontrol GmbH: „Die entscheidende Frage ist heute ‚Wie kann ich mit jedem, überall und mit allen Diensten kommunizieren?’“
Quelle: comcontrol

„Die Möglichkeiten der Prozess- und Kommunikationsoptimierung, die die neuen offenen Lösungen bieten, beinhalten ein erhebliches Einsparungspotential“, meint Link. Dies geht über die offensichtlichen Kosten der ITK-Anlagen hinaus und betrifft je nach Tiefe der Systemintegration auch Arbeitszeit und Effizienz der Mitarbeiter. So können beispielsweise Presence-Management-Anwendungen Anfragen direkt bis zu dem Medium weiterleiten, an dem der Ansprechpartner erreichbar ist. Lange Nachfragen in Zentralen, Bitten um Rückruf und entgangene Aufträge gehören so der Vergangenheit an.

ISDN verlässt die Bühne – Unified Communication tritt auf

Das Beharren auf älteren Infrastrukturen, die nur auf neuere Geräte migrieren, bedeutet dagegen einen Stillstand und bindet das Unternehmen gleichzeitig an ein proprietäres System und einen festen Anbieter. Neben den Möglichkeiten der Prozessoptimierung gehen dadurch auch Preis- und Leistungsvorteile, die ein offener Markt mit Konkurrenz bietet, verloren. „Migrationen sind in Deutschland wegen des sehr guten ISDN-Netzes und der Beliebtheit der dazugehörigen Lösungen sehr populär“, so der Geschäftsführer von comcontrol.

Allerdings wohl nicht mehr lange, denn wenn die Regulierungsbehörde des Bundes 2012 das ISDN-Protokoll im öffentlichen Netzverbund aufkündigt, werden darauf basierende Anlagen nutzlos. Deshalb sei es wichtig darauf zu achten, dass neue Systeme mit dem Nachfolger SIP (Session Initiation Protocol) kompatibel sind. Die aktuellen offenen Kommunikationsarchitekturen unterstützen diesen Standard bereits.

Uwe Peter, Direktor Fachvertrieb Unified Communications und Datacenter bei Cisco Deutschland: „Unified Communication-Lösungen stellen in den USA bereits die Hälfte der Neuanschaffungen dar. Auch der deutsche Markt wird sich in den nächsten Jahren entsprechend wandeln.“
Quelle: Cisco Deutschland

Als neuer Markstein der Kommunikationstechnik, wie es ISDN in den 80er und 90er Jahren war, etabliert sich derzeit die „Unified Communication“ (UC): eine integrative Nutzung verschiedener Kommunikationsmedien und -dienste über eine gemeinsame Oberfläche. Anrufe über den PC entgegennehmen, abspeichern und an die zuständige Stelle weiterleiten, ist damit ebenso möglich wie ein direkter Chat-Austausch mit Kollegen überall auf der Welt oder eine kurzfristige Videokonferenz via Webcam und Internet. „Grundlage dafür sind IP-basierte Systeme“, erklärt Uwe Peter, Direktor des Fachvertriebs Unified Communication und Datacenter bei Cisco Deutschland. „In den USA stellen solche Lösungen bereits 50 Prozent der Neuanschaffungen dar. In Deutschland sind es nur 20 bis 30 Prozent, allerdings wird sich der Markt in den nächsten 24 Monaten entscheidend ändern. Dieser schnelle Wandel hat zur Folge, dass sich Unternehmen ohne kompetente Beratung auf dem veränderten Markt kaum zurechtfinden.“

Deutsche Unternehmen drohen den Anschluss zu verlieren

„Viele Firmen haben in den letzten Jahren hohe Investitionen in die Abbildung von Geschäftsprozessen in IT-Applikationen getätigt“, berichtet Peter. Allerdings sei deren Verbindung mit der bestehenden Kommunikationsinfrastruktur vernachlässigt worden. „Office-Anwendungen, E-Mail, Festnetz, Handy, Videokonferenzen – für die Mitarbeiter sind das häufig isolierte Welten mit ganz unterschiedlichen Bedieneroberflächen.“

Unified Communication führt die diversen Kommunikationsmöglichkeiten zusammen, offene Schnittstellen ermöglichen dabei die Integration neuer Anwendungen in die existierende ITK-Umgebung. Kommunikationsexperte Link fasst es so zusammen: „Im Grunde passt der komplette Arbeitsplatz, vom Telefon über die Adresskartei bis zu den Geschäftsakten heute in einen Handheld-Computer von der Größe eines Handys.“

Die vereinfachte Bedienung entlastet nicht nur die Mitarbeiter, sondern erhöht mit „Collaboration“-Funktionen auch die Effektivität und beschleunigt die Entscheidungsfindung. „Unified Communication ist ein stark wachsendes Geschäftsfeld und von entscheidender Bedeutung, deshalb investieren wir stetig in die Entwicklung neuer Lösungen“, so Peter zur Ausrichtung beim Weltmarktführer Cisco. Die modernen Systeme ermöglichen mit einigen Klicks den Aufbau einer Ad-hoc-Koferenzscha
ltung. Über File-Sharing-Anwendungen haben alle beteiligten Kollegen standortübergreifend gemeinsam Zugriff auf Tools und Dokumente und können sich direkt austauschen. Teure und zeitaufwendige Geschäftsreisen lassen sich so deutlich reduzieren, die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens steigt und die Mitarbeiter haben mehr Freizeit. Die damit verbundene Erreichbarkeit erfüllt zugleich den Anspruch vieler Kunden, zeitnah und kompetent betreut zu werden.

Offen für die Zukunft

„Ich gehe davon aus“, so der Wirtschaftsinformatiker Professor Heinzl, „dass sich jene Software-Struktur durchsetzen wird, die es schafft, eine standardisierte Kernfunktionalität mit Lösungen von spezialisierten Anbietern zu kombinieren, die die individuellen Bedürfnisse des Mittelstands abbilden können.“ Dies setzt eine offene Systemkonzeption voraus. Lösungen, die sich nur innerhalb des Angebotsspektrums eines Herstellers bewegen können, mangelt es dagegen an der nötigen Integrationsfähigkeit.

„Wir befinden uns in einer Zeit der vollständigen Medien- und Netzintegration, das heißt alle Medien, von der SMS bis zum Video, und alle Netze, egal ob Festnetz, Mobil oder Internet, laufen über eine Plattform“, meint Volker Link vom Beratungsunternehmen comcontrol. „Die Frage ist nicht mehr ‚Wie telefoniere ich günstig?’, sondern ‚Wie kann ich mit jedem, überall und mit allen Diensten kommunizieren?’“ Die dafür notwendige Infrastruktur auszuwählen, sich dabei alle Möglichkeiten für die Zukunft offen zu halten – das muss heute die treibende Kraft in den Unternehmen sein.

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