Wieviel Technik braucht der Mensch? Wo braucht er sie?

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Sicherlich gibt es eine ganze Menge Menschen, die Musik ständig mit sich herumtragen und dabei ihr Gehör dauerhaft beschädigen. Es gibt auch Menschen, die einen PC in der Küche haben, damit sie beim Kochen nicht immer zwischen dem „Internet-basierenden Kochrezept“ im Arbeitszimmer und dem Herd hin- und herlaufen müssen.

Auf der IFA in Berlin gab es unlängst Kühlschränke mit LCD-Bildschirm zu bestaunen – oh heilige Konvergenz! Und mancher Hersteller der von echten Männern der IT gern belächelten weißen Ware bedauert vielleicht, dass seine neuen Waschmaschinen zwar ebenfalls interessante Programme, aber noch keinen USB- oder Netzwerk-Anschluss aufzuweisen haben.

Ein Kühlschrank mit Monitor und Internet-Anschluss wäre demnach der absolute Hit in der Küche. Eingekauft wird online oder das Gerät kümmert sich – mit Hilfe von RFID-Technologie – am besten gleich selbst um den Nachschub an Bier, Wurst und Käse. Eine neue Kaffeemaschine für die Gastronomie soll bereits selbständig den Wartungstechniker informieren, wenn etwas nicht stimmt. Aber so neu ist das gar nicht: Die erste Web-Kamera diente von 1991 bis 2001, so die Sage, der Überprüfung des Füllstandes einer Kaffeemaschine an der Universität von Cambridge.

Apropos: Erinnern Sie sich an „E-Services“ und „E-Business“? Erinnern Sie sich an „Instabus“? Instabus ist eines der Bus-Systeme für Haustechnik, das vor 15 Jahren einen Hype erlebte. Hersteller von Gebäudeausrüstungen und Lichtschaltern versprachen das Haus, das mit dem PC im Keller und dem Handy im Leih-Cabrio auf Mallorca ganz automatisch die Fenster schließt, die Heizung abdreht und das vergessene Bügeleisen abschaltet.

Die Technik gibt es noch immer und sie nimmt vor allem bei Büro- und Gewerbe-Immobilien an Bedeutung zu, aber die Durchdringung des Massenmarktes ist weit von den ursprünglichen Erwartungen entfernt. Heute schaltet der Verbraucher sein Licht immer noch mit dem Lichtschalter an und aus. Die Zimmertemperatur wird wie eh und je über Drehventile oder einen Thermostaten der Zentralbefeuerung der Wohnung geregelt – auch bei Häusern, die neu gebaut werden.

E-Services hieß 1999 eine große Kampagne bei Hewlett-Packard (HP). E-Services versprachen die Verknüpfung von Web-basierenden Diensten: Wer eine Reise nach New York im Internet buchte, sollte auch gleich den Leihwagen, das Hotel, die Konzertkarten und den Wochenendausflug mit gebucht bekommen. Ein paar Klicks sollten den Frequent Traveller von allen Planungssorgen befreien.

Heute vermissen die meisten Vielreisenden ihre fleißige, findige und pfiffige Reisestelle im Unternehmen. Stattdessen: Endlose Klickerei über sechs- oder achtstufige Buchungsseiten, immer wieder erneutes obligatorisches Abwählen des Newsletters und vor allem unübersichtliches, mühsames Preise-Vergleichen kosten Zeit und Nerven

In einem anderen Szenario sollte ein Pkw seine bevorstehende Panne schon frühzeitig bemerken und gleich den Service-Mechatroniker, den Abschleppdienst, das Hotel und das Abendessen ordern. Doch auch der beste Pannenhelfer kriegt ein modernes Kfz im Falle einer Elektronikpanne nur selten wieder flott. Und das mit dem Abendessen klappt auch nicht.

Mit E-Business (Kampagnenstart 1998) wollte IBM den 70-jährigen toskanischen Winzer in die Lage versetzen, seine Produkte weltweit zu vermarkten. Vorausgesetzt, sein Dorf erhält irgendwann einen Breitband-Internet-Anschluss oder wenigstens eine GSM-Handy-Station mit vielleicht 9600 Bit pro Sekunde.

Sicherlich hat E-Business dazu beigetragen, dass im internationalen Geldverkehr mehr mit virtuellem als realem Geld gehandelt wird – bis kurz vor der jüngsten Finanzmarktkrise wurden täglich 4000 Milliarden US-Dollar zwischen den Börsen hin- und hergeschoben. Die Folgen sind bekannt.

Und auch vernetzte Haushaltsgeräte haben ja ihren zukunftsweisenden Reiz. Doch sollte sich manch Hersteller und manch Marketing-Macher bei der nächsten Ankündigung vielleicht darauf besinnen, seine Vision nur ein kleines bisschen realistisch zu gestalten. So wie E-Services und Haustechnik-Feldbus-Systeme heute immer noch an mangelnder Marktdurchdringung kranken, liegt es vielleicht an den allzu blumigen Versprechungen, die den Verbraucher skeptisch werden lassen, wenn nicht wirklich etwas daraus wird.

Bei aller Euphorie für die neuartigen vernetzten Produkte und Märkte muss man den aktuellen Stand der Technik doch im Auge behalten. Sonst wird die nächste, ach so coole Idee einfach wieder an mangelnder Netzabdeckung oder fehlenden Standards scheitern – wie einst der milchmangelmeldende Kühlschrank, der werkstattsuchende Pkw und der Winzer ohne DSL. Vorerst sagen wir da lieber: Kühl! Schrank! Wasch! Maschine! Vernetzung kann warten.